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Rigging · Mai 2026

Prolyte, Litec, Eurotruss: Wie die drei Truss-Hersteller die DACH-Rigging-Welt prägen

Drei Hersteller, drei Nationen, ein Markt: Wie die Aluminium-Traversen-Welt zwischen Niederlande, Italien und Deutschland die Rigging-Realität in DACH prägt – inklusive Hoist-Klassen, D8/D8+ und Sicherheits-Mathematik.

Wer im Mai 2026 eine Bühne in Hamburg, Köln, Wien oder Zürich aufbaut, dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Aluminium-Traversen aus einem von drei Häusern arbeiten: Prolyte, Litec oder Eurotruss. Die drei Hersteller – aus den Niederlanden, Italien und wiederum den Niederlanden stammend – haben die DACH-Rigging-Welt der letzten Jahrzehnte in einer Weise geprägt, die in der täglichen Praxis kaum mehr wahrgenommen werde, weil sie so selbstverständlich geworden sei. Eine Bestandsaufnahme zwischen Knotenpunkten, Hoist-Klassen und der Mathematik des sicheren Aufbaus.

Prolyte: Aus Leek in die Welt

Prolyte wurde 1990 in Leek in den nördlichen Niederlanden gegründet und stieg innerhalb weniger Jahre zu einem der größten europäischen Truss- und Stage-Hersteller auf. Die Marke gehört seit 2018 zur Area Four Industries, einem Verbund, der auch die italienischen Marken Litec und Milos zusammenfasst – ein Konsolidierungsprozess, der die Branche prägt und in der Praxis zu einer gewissen Annäherung der Produktphilosophien geführt hat.

Charakteristisch für Prolyte sind die Truss-Familien H30V, H40V, S52V, X30V und die schwere B-Serie, die in der Live-Branche fast schon synonym für „Traverse” stünden. Die niederländische Designschule – funktional, präzise gefräst, mit gut dokumentierten Lastdiagrammen – hat sich über die Jahre als Quasi-Standard etabliert. Wer in einer kleineren Halle eine Front-Truss benötigt, bestellt nicht selten „eine H30V” – ohne dass dabei reflektiert werde, ob es sich tatsächlich um ein Prolyte-Produkt handeln müsse. Die Begriffe sind in den Sprachgebrauch übergegangen.

Im Stage-Bereich ist Prolyte mit der StageDex- und LiteDeck-Serie präsent, ergänzt durch zahlreiche Roof-Systeme (Arc, Aero, MPT) für Open-Air-Veranstaltungen. Letztere Systeme müssen erweiterten statischen Anforderungen genügen, weil Wind- und Schneelast in die Berechnung eingehen.

Litec: Bergamo-Tradition

Litec, mit Sitz in San Vendemiano (Treviso, Italien) und Wurzeln, die bis ins Jahr 1976 zurückreichen sollen, gehört seit ebenfalls 2018 zur Area Four Industries. Die italienische Schule unterscheidet sich von der niederländischen in Nuancen: Die Schweißnähte gelten in Branchenkreisen als besonders sauber, das Material-Finish als hochwertig, das Sortiment als sehr breit gefächert. Litec ist im Concert-Touring-Bereich stark präsent, insbesondere in Italien und Frankreich, aber auch in DACH inzwischen verbreitet.

Die QX-Serie (40, 30, 25) und die HD-Serie (44, 34) decken den überwiegenden Teil des Marktes ab. Litec hat zudem mit der LR-Serie (Lightweight Round) ein leichteres Produkt für mobile Anwendungen entwickelt, das in Theater- und TV-Produktionen eingesetzt wird, wo Gewicht und Erscheinungsbild eine Rolle spielen.

Eurotruss: Niederländische Konkurrenz

Eurotruss, gegründet 1985 in Asten in den Niederlanden, ist der dritte große Player im Bunde – und damit, wie Prolyte, ein niederländisches Familienunternehmen mit langer Geschichte. Die Marke hat sich in den letzten Jahren mit einem konsequent transparenten Engineering-Ansatz positioniert: detaillierte Lastdiagramme, gute Dokumentation, klare Produktlinien (HD/FD-Serie, ST-Serie, TT-Serie). Eurotruss ist im Festival- und Stadium-Bereich stark, insbesondere in Open-Air-Konstruktionen.

Aus DACH-Sicht ist Eurotruss eine Marke, die in den letzten zehn Jahren systematisch Marktanteile gewonnen hat – nicht selten in Projekten, in denen statische Anforderungen jenseits der Standard-Tabellen lagen und die Hersteller-Engineering-Abteilung individuell rechnen musste. Die Fähigkeit, projekt-spezifische statische Nachweise zu liefern, ist heute eines der wichtigsten Differenzierungsmerkmale im professionellen Truss-Geschäft.

Die Mathematik der Knotenpunkte

Wer Truss-Konstruktionen plant, kommt um die Mathematik nicht herum. Eine H30V-Traverse aus Aluminium 6082-T6 mit 290 mm Außenmaß und 50 mm Rohrdurchmesser ist nach den Tabellen der Hersteller für definierte Spannweiten und Lasten freigegeben – in der Regel als Punktlast in der Mitte und als verteilte Streckenlast, jeweils mit Eigengewicht und Sicherheitsfaktor abgezogen. Die DIN EN 17206 (Veranstaltungstechnik – Traversen) und die DGUV-Vorschrift 17 (Veranstaltungs- und Produktionsstätten für szenische Darstellung) geben den rechtlichen Rahmen vor.

In der Praxis bedeutet das: Vor jedem Aufbau eines tragenden Truss-Gestänges muss ein statischer Nachweis vorliegen. Bei Standard-Geometrien reichen die Hersteller-Tabellen, bei komplexen Konstruktionen (Dreieckskonstruktionen, kombinierte Lasten, asymmetrische Aufhängungen) werde mit Stab- oder FEM-Programmen gerechnet. Die einschlägigen Tools – etwa Prolyte Structural Calculator, IPSO, Skylift Designer oder das offene Tool VectorCAD – sind in der Engineering-Community etabliert.

Hoists: Die Drittel-Sicherheits-Klassen D8 und D8+

Über Truss-Konstruktionen werden im Konzert- und Touring-Geschäft praktisch ausschließlich Kettenzüge – Hoists – aufgehängt. Die einschlägigen Klassen werden in der BGI 810-3 (heute DGUV-Information 215-313) bzw. der DIN 56950-1 definiert. Drei Klassen sind relevant: D8 (Punkt-Last unter Last in der Höhe, einfache Sicherheit), D8+ (Punkt-Last mit zusätzlichem Sekundärsicherheits-System) und BGV-C1 (heute DGUV-Vorschrift 17 §10, Personenbewegung unter Last).

D8 bedeutet, in vereinfachter Form: Der Kettenzug darf eine Last in der Höhe halten, solange sich keine Person darunter befindet. D8+ verlangt zusätzlich ein Sekundärsicherheits-System, das die Last auch bei Versagen des primären Tragmittels hält. Personenbewegung – etwa bei Akrobatik, bewegten Schauspieler:innen oder bewegten Dekorationen mit Personen-Bezug – verlangt deutlich strengere Anforderungen: zwei voneinander unabhängige Hubsysteme, kontinuierliche Lastüberwachung, definierte Geschwindigkeit, dokumentierte Wartung.

In der DACH-Praxis dominieren die Hoists von CM Lodestar (seit 1962 in Damascus, Virginia produziert, gehört zu Columbus McKinnon) das Touring-Geschäft. Stagemaker (Verlinde) und ChainMaster (Eilenburg) sind ebenfalls stark präsent. Im Theater werden zunehmend D8+ und BGV-C1 (heute SR-1)-zertifizierte Punktzüge eingesetzt, weil moderne Inszenierungen häufig Personen und Lasten in Bewegung kombinieren.

Layher, NÜSSLI und die Bauseite

Wer Truss denkt, sollte die Bauseite nicht vergessen. Layher, seit 1945 in Eibensbach in Baden-Württemberg ansässig, ist im Gerüstbau global führend und stellt im Open-Air-Bereich häufig die Stütz- und Tribünen-Strukturen, auf denen Truss-Konstruktionen aufgesetzt werden. NÜSSLI, seit 1928 in Hüttwilen (Schweiz), ist im temporären Bühnen- und Tribünenbau spezialisiert und realisiert Großprojekte – von Festivals über Sportveranstaltungen bis zu Staatsempfängen.

Die Kombination aus Layher-Standgerüst, NÜSSLI-Tribüne und Prolyte-/Litec-/Eurotruss-Dach ist im Open-Air-Geschäft eine typische Konstellation. Wichtig sei dabei, dass die Schnittstellen zwischen den Systemen statisch sauber dokumentiert seien – ein häufiger Kritikpunkt von Prüfsachverständigen, weil hier verschiedene Normwelten aufeinandertreffen (DIN EN 12810/12811 für Gerüste, DIN EN 17206 für Truss, DIN EN 13782 für fliegende Bauten).

Konsolidierung und Marktstruktur

Ein Wort zur Marktstruktur: Mit der Bündelung von Prolyte, Litec und Milos unter dem Dach der Area Four Industries hat sich der Markt seit 2018 deutlich konzentriert. Eurotruss steht als eigenständiger Hersteller daneben, ebenso wie kleinere Marken (Global Truss, Naxpro, Megara, Stagemaker, Total Structures). In DACH bedeutet das: Wer eine Truss-Investition tätigt, muss sich nicht nur für ein Produkt, sondern auch für ein Ökosystem entscheiden – inklusive Ersatzteile, Verbinder-Logik, Engineering-Support.

Aus Sicht der Veranstalter und Verleiher ist die Konsolidierung ambivalent: Einerseits profitierten die Branche von industrialisierten Produktionsstandards und besserer Verfügbarkeit. Andererseits gerate die Preisbildung in eine Logik, die von wenigen Marktteilnehmern dominiert werde. Die einschlägigen Branchenverbände – allen voran der VPLT (Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik, gegründet 1989 in Hannover) – beobachten diese Entwicklung mit Aufmerksamkeit.

Praktische Hinweise für die DACH-Praxis

Drei Hinweise für die Praxis. Erstens: Verbinder-Logik. Prolyte verwendet primär konische Spigot-Verbinder, Eurotruss ebenfalls, Litec teils Schraubverbinder. Wer Truss-Stücke unterschiedlicher Hersteller kombinieren möchte, sollte vorab die Kompatibilität prüfen – Adapter sind verfügbar, aber statisch nicht in allen Konstellationen freigegeben. Zweitens: Lagerung. Aluminium-Traversen sind korrosionsempfindlich gegenüber feuchten Holzpaletten und Streusalz; eine sachgerechte Lagerung im Trockenen mit Distanzhölzern ist Pflicht. Drittens: Inspektion. Vor jedem Aufbau eine Sichtprüfung auf Beulen, Risse, verformte Spigots; bei sichtbaren Defekten Aussortieren und durch den Sachkundigen prüfen lassen.

Sachkundigen-Prüfung und Lebenszyklus

Eine zentrale Frage, die in der Truss-Praxis oft unterschätzt wird, ist der Lebenszyklus eines Truss-Profils. Aluminium-Profile haben keine harte Verfallszeit, müssen aber regelmäßig vom Sachkundigen inspiziert werden. Die DGUV-Information 215-313 und die einschlägigen Hersteller-Vorgaben verlangen mindestens eine jährliche Sichtprüfung und – je nach Einsatz-Intensität – alle vier Jahre eine erweiterte Prüfung durch einen Sachverständigen. Bei Truss-Profilen mit sichtbaren Verformungen, Korrosionsspuren oder beschädigten Spigot-Aufnahmen ist das Profil sofort aus dem Verkehr zu ziehen.

In der Praxis bedeutet das: Verleih-Unternehmen führen Inventar-Datenbanken mit Seriennummer-Tracking, Einsatzgeschichte und Prüfprotokollen je Truss-Stück. Wer ein Truss-Profil heute mietet, mietet auch dessen Prüfgeschichte – ein Aspekt, der bei Insolvenzen oder Eigentümerwechseln in der Verleih-Branche regelmäßig zu Diskussionen führe, weil die Nachvollziehbarkeit der Prüfung an die Dokumentation gebunden sei.

Auch der Zweitmarkt für Truss-Profile ist nicht trivial. Wer gebrauchte Profile kaufe, sollte auf eine vollständige Prüfhistorie bestehen und im Zweifel eine Erstprüfung durch einen unabhängigen Sachverständigen einplanen. Profile aus unbekannter Herkunft – etwa aus Insolvenzmassen oder grauen Importen – sind aus Verleih-Perspektive ein Risiko, das die Berufsgenossenschaft im Schadensfall ungnädig betrachte.

Fazit

Prolyte, Litec und Eurotruss prägen die DACH-Rigging-Welt seit Jahrzehnten – jede Marke mit eigener Tradition, eigener Konstruktionsphilosophie und eigenem Marktauftritt. In der täglichen Praxis verschwimmen die Unterschiede oft hinter den Begriffen, die längst zum Branchen-Slang gehören („eine H30V”, „eine HD-Truss”, „eine 30er”). Das ist gleichzeitig Stärke und Schwäche: Der etablierte Standard erleichtere die Arbeit, verstelle aber gelegentlich den Blick auf die Verantwortung, die mit jedem Knotenpunkt einhergehe. Wer einen Hoist über einer Bühne aufhängt, hängt im Zweifel ein Menschenleben daran – egal, welche Marke auf dem Truss-Profil steht.

Das Magazin wird in kommenden Ausgaben einzelne Aspekte vertiefend behandeln – etwa die Frage, wie sich der Aluminium-Markt durch die globalen Energiepreis-Verschiebungen seit 2022 entwickelt habe und welche Konsequenzen das für die Beschaffungspreise von Truss-Profilen habe. Auch die Diskussion um nachhaltige Aluminium-Legierungen (Recycling-Anteil, Sekundäraluminium-Quoten) hat in der Branche Fahrt aufgenommen und wird die nächsten Produktgenerationen prägen. Bis dahin bleibt die Aufgabe für Veranstaltungstechniker:innen unverändert: Profile sauber lagern, Verbinder prüfen, Statik dokumentieren – und im Zweifelsfall lieber einen zusätzlichen Hoist setzen als einen zu wenig.


Ressort: Rigging